Open Eyes - Filme für die Menschenrechtsbildung in der Schule

Perspektive, das Nürnberger Filmfestival der Menschenrechte betreibt seit seiner erstmaligen Ausrichtung im Jahr 1999 politische und gesellschaftliche Aufklärung: Das Festival trägt mit Hilfe des „Leitmediums des 20. Jahrhunderts“ (Kulturstaatsministerin a. D. Christina Weiss) zum gegenseitigen Verständnis bei und fördert Toleranz und Freundschaft zwischen den Menschen und Kulturen.
Auf dem Festival standen und stehen Filme im Mittelpunkt, die zur Herausbildung oder Über­prü­fung eigener Positionen und zur Wahr­nehmung mitmenschlicher Verantwortung anregen. Sie infor­mieren, machen Probleme sichtbar und legen Zeugnis von sozialen und politi­schen Ent­wick­lungen ab. Die Filme konstatieren Men­schen­rechts­ver­letzungen und schildern positive Beispiele zu deren Überwin­dung.

Das Projekt

Perspektive hat im Jahr 2003 erstmals ein Filmprogramm zusammengestellt, das besonders für Schüler geeignet war. In zehn Schulvorstel­lungen für die Mittel- und Oberstufe – jeweils mit einer Einführung in das Thema bzw. den Film und einem Diskussionsangebot – wurden Spiel- und Dokumentarfilme mit Menschenrechtsthemen präsentiert.
Seit dem Jahr 2005 erweiterte Perspektive die Schulvorstellungen und plante sie erstmals gemein­sam mit den Kollegen vom One World Film Festival in Prag. Das Partnerfestival organisiert seit 2002 das Projekt One World in Schools, das auf einer engen Zusammenarbeit mit Schulen beruht und sich zum Ziel gesetzt hat, die Filme und audio­visuellen Werke des Festivals im Unterricht nutzbar zu machen. Das Schulfilmprojekt Open Eyes konnte mit den Prager Kollegen erstmals vom 14. bis 21. Februar 2005 im Nürnberger Filmhauskino und Kommkino im Künstlerhaus bayerischen Schulklassen angeboten werden.

Open Eyes

  • vermittelt Einsichten in die grundlegenden Menschenrechte und Werte, auf denen unsere Gesellschaften beruhen und sensibilisiert junge Menschen für die Menschenrechte und deren Schutz
  • ist zugleich als Baustein zur Film- und Medienkompetenz zu verstehen
  • fördert einen länderübergreifenden Austausch

Realisierung

Perspektive und One World wählten gemeinsam acht Dokumentarfilme aus, die sich mit dem Thema Menschenrechte beschäftigen. Konkret beinhaltete die Open Eyes-Schulfilmwoche im ersten Halbjahr 2005 die folgenden Themen:

  • Rassismus und Diskriminierung
  • die Zeit der Apartheid in Südafrika und die Arbeit der Truth and Reconciliation Commission
  • Menschen in Ruanda, die Arbeit des Internationalen Tribunals in
    Arusha und die Wiederherstellung von traditionellen Gerichten in Dörfern, die ein Versöhnen zwischen den Nach­barn ermöglichen sollen
  • Opfer des Krieges im ehemaligen Jugoslawien und die Rolle des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag
  • der Konflikt im Nahen Osten
  • Menschen, die die Shoah überlebt haben
  • die „Nürnberger Gesetze“ von 1935 und ihre Auswirkungen
  • Zwangsarbeiter in Nazideutschland

Open Eyes – Die erste Staffel

Die erste Filmstaffel wurde vom 14. bis 21. Februar 2005 von der Perspektive im Filmhauskino Nürnberg unter dem Titel Open Eyes-Schulfilmwoche präsentiert und im April 2005 auf dem Festival in Prag im Rahmen der One World in Schools-Vorstellungen gezeigt. Die Filme wurden von den Festivals in ihre Landessprache übersetzt und – sofern nicht vorhanden – mit tschechischen und deutschen Untertiteln versehen.

Ein Teil der Filme soll interessierten Schulen auf VHS-Kassetten zur Verfügung gestellt werden. Die Festivals bemühen sich um die Projektionsrechte für nicht-kommerzielle Vor­führungen zu Bildungs­zwecken. Außer den Filmkollektionen soll den Schulen folgendes Begleitmaterial angeboten werden:

  • didaktische Blätter und methodische Anweisungen zu einzelnen Filmen
  • thematische Blätter mit Hinweisen auf weitere Informationsquellen

Zur Zeit wird noch an der Herstellung für die in den Schulen zum Einsatz kommenden Videos gearbeitet sowie an der Erstellung und Übersetzung des pädagogischen Begleitmaterials. Die Kollegen aus Prag, die bereits eine mehrjährige Erfahrung mit der Arbeit mit Schulen haben, zeichnen hierbei für den Großteil der Texte, Arbeitsmaterialien und –hilfen für den Unterricht verantwortlich. Perspektive ist an der Redaktion beteiligt und ergänzt die Publikationen um weiterführende Literaturhinweise in deutscher und englischer Sprache.

Open Eyes – Die zweite Staffel

Die 2. Open Eyes-Filmstaffel war integraler Bestandteil der 4. Perspektive (26. September bis 5. Oktober 2005). Perspektive präsentierte abermals eine besonders geeignete Auswahl für Schülerinnen und Schüler. Jeder Vorstellung folgte eine moderierte Diskussion. Inhaltlich beschäftigten sich die ausgewählten Filme mit den folgenden Themen:

  • Der Konflikt im Nahen Osten
  • Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile
  • Integration und Religionsfreiheit
  • Flucht, Emigration und der Alltag von Asylbewerbern
  • Die Problematik der Antipersonenminen
  • Kriegsfolgen und Auswirkungen auf Kinder
  • Der Nationalsozialismus und der Holocaust

Open Eyes Sondervorstellungen und Dritte Staffel

Im März 2006 wurden im Filmhauskino abermals Sondervorstellungen mit Filmen zum Thema Menschenrechte angesetzt. Sie beinhalteten die Themen Flucht und Asyl, Abschiebehaft und Globalisierung. Insgesamt nahmen 285 Schülerinnnen und Schüler die Programme in Anspruch.
Vom 9. bis 16. Oktober 2006 schließlich wurde die dritte Open Eyes-Staffel im Filmhauskino veranstaltet. Den Auftakt zur dritten Staffel bildete am Freitag, den 6. Oktober das Fortbildungsseminar „Filmdramaturgie kompakt“, das für die angemeldeten Lehrkräfte vom Bayerischen Kultusministerium als eine die staatliche Lehrerfortbildung ergänzende Maßnahme anerkannt werden wird.

Besuch/Statistik

Die beiden Open Eyes-Staffeln im Jahr 2005 wurden insgesamt von 1233 Schülerinnen und Schülern aus 24 verschiedenen Schulen im Raum Mittelfranken besucht. 37 Klassen und Kollegstufenjahrgänge haben teilgenommen, die prozentual gewichtet zu 57% der Mittelstufe und zu 35% der Oberstufe zuzurechnen sind. Nach Schularten ergibt sich folgendes Bild: Gymnasien 13 (54,1%), Realschulen vier (16,7%), Hauptschulen vier (16,7%) und Fachoberschulen und Berufsoberschulen drei (12,5%). Die Festivalfilme erreichten somit eher die höheren Schulen und dort wiederum die Ober- und vor allem Mittelstufen in Mittelfranken.

Jugendjury

Im Rahmen der 4. Perspektive gab es neben den pädagogisch begleiteten Schulvorstellungen erstmalig eine Open Eyes-Jugendjury, die sich aus Nürnberger Schülerinnen und Schülern zusammensetzte. Vorgabe war es, einen Film zu empfehlen, der besonders gut für die Menschenrechtsbildung geeignet ist. Die Jugendjury nominierte nach Sichtung von zehn vom Festivalkomitee vorausgewählten Filmen schließlich einstimmig den philippinischen Dokumentarfilm Bunso, the Youngest, der erstmals das Schicksal inhaftierter Minderjähriger in einem Gefängnis Manilas auf die Leinwand bringt. Die Protagonisten sind der 13-jährige Tony und die beiden elfjährigen Jungen Diosel und Bunso. Alle drei stammen aus Elendsvierteln in Manila und wurden wegen Diebstahls zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Meistens sind es jedoch die eigenen Eltern, die ihre Kinder zum Betteln und Stehlen auf die Straßen schicken.


Die Juroren Nadya Aboud, Sophie Arnold, Jonas Jelinski, Florian Mieves und Anne-Christin Werkshage vom Labenwolff-Gymnasium Nürnberg schrieben in ihrer Begründung:

Wir wollten einen Film, der die Schüler und Schülerinnen zum Nachdenken anregt. Einen Film, den sie nicht nur anschauen und beim Verlassen des Klassenzimmers wieder vergessen haben. Sondern einen Film, der die Schüler und Schülerinnen aus ihren kleinen Welten holt und sie mit der Realität konfrontiert [...] Der Film zeigt, dass die Respektierung der Menschenrechte in vielen Ländern immer noch nicht selbstverständlich ist. Besonders die Rechte der Kinder werden missachtet, weil diese ihren Situationen oft wehrlos ausgeliefert sind und keine Perspektiven für ein besseres Leben haben.
Bunso, the Youngest wird durch das Votum der Jury in die dritte Open Eyes-Staffel im Oktober 2006 integriert werden.

Initiativen

Aufgrund des Open Eyes-Projektes sind konkret zwei Initiativen an Nürnberger Schulen entstanden. Zum einen gründete sich bereits im Vorfeld des Festivals nach dem Open Eyes-Lehrerseminar im Januar 2005 in der Kollegstufe des Labenwolff-Gymnasiums ein Arbeitskreis "Filmclub der Menschenrechte", der regelmäßig zu Filmveranstaltungen am Gymnasium einlud, Festivalfilme auf Video sichtete und diskutierte.

Die Mitglieder der Open Eyes-Jugendjury, die sich aus Mitgliedern des Filmclubs rekrutierten, haben über ihre ehrenamtliche Jury-Tätigkeit hinaus real geholfen und ihre Geldspende von der HypoVereinsbank in Höhe von 500.- Euro an die Stiftung „Wings of Hope“ weitergeleitet. Die Stiftung hilft Kindern in Bosnien-Herzegowina und im Irak. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die psychosoziale Hilfe für Kinder und Jugendliche, die durch Kriege und Gewalt traumatisiert wurden.
Angeregt durch die Vorführung des Films Lost Children im Rahmen der 4. Perspektive gründete sich am Johannes-Scharrer-Gymnasium Nürnberg der "Arbeitskreis Lost Children". Der Dokumentarfilm behandelt eindringlich das Thema Kindersoldaten in Uganda. 15 Zehntklässler waren von Lost Children und den Ausführungen des Regisseurs Ali Samadi Ahadi derart beeindruckt, dass sie sich in der Folgezeit einmal wöchentlich trafen, um konkrete (Hilfs-)Aktionen zu erörtern. So konnten sie bisher bereits 690.- Euro Spendengelder für die Arbeit des Auffanglagers in Pajule, Norduganda, sammeln, das als Anlaufstelle für ehemalige Kindersoldaten dient. Pajule befindet sich direkt im Kampfgebiet und wird von den Regierungstruppen schlecht bewacht. Das Lager wird von der Caritas Gulu, einer lokalen Hilfsorganisation der katholischen Kirche betrieben. Die Schülerinnen und Schüler veranstalteten ebenfalls eine Ausstellung zum Thema an ihrer Schule und luden die Sozialarbeiterin Grace Arach aus Pajule an das Johannes-Scharrer-Gymnasium ein. Sie machten damit auf das Thema Kindersoldaten und die konkrete Arbeit vor Ort aufmerksam. Ein weiteres Ziel ihrer Arbeit soll ebenfalls die Präsentation von Filmen mit menschenrechtlicher Thematik an der Schule sein.

Der Film Lost Children, der das Thema Kindersoldaten thematisiert, beschäftigte die Schüler und Schülerinnen weiterhin und sprach sich in den Schulen herum. So entstand in der Nachfolge des Festivals der Wunsch, zusätzliche Schulvorstellungen im Filmhauskino anzusetzen. Regisseur Ali Samadi Ahadi stand bei einigen Vorführungen wieder als Ansprechpartner und Diskutant zur Verfügung. Insgesamt sahen vom 10. bis 15. November 215 Schülerinnen und Schüler den Film.

Die Bedeutung des Projekts und der erwartete Effekt

Der Film und die sich anschließende Diskussion bietet im Vergleich zum Schulvortrag und dem Lehr­buchtext eine offenere Kommunikationsmöglichkeit. Wir glauben, dass den Schü­lern der Film samt Begleitmaterial eine Thematik auf interessantere und inspirieren­dere Art und Weise näher bringen kann, weil der Film der Populärkultur, in der sie sich in der Freizeit bewegen, näher steht.

Die Bedeutung des Projekts beruht auch darauf, dass die erworbenen Erfahrungen aus Tsche­chien zum ersten Mal länderübergreifend ange­wendet wer­den. Die tschechischen Erfahrungen zeigen, dass die genutzte Methodik einen multipli­zierenden Effekt besitzt. Perspektive und One World gehören zu den Gründungsmitgliedern des Human Rights Film Network (HRFN), einem internatio­nalen Verbund, der bislang 25 Filmfestivals zum Thema Menschenrechte aus 21 Ländern umfasst. Die Mehrheit der Festivals denkt darüber nach oder versucht, Konzepte zu entwickeln, wie das Thema Menschenrechte mittels Film in die Schulen zu bringen ist. Die Erfahrungen aus Tschechien und Deutsch­land könnten ein Musterbeispiel für die anderen werden.

Schulvorstellung